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Die Wiederentdeckung des Liebeskonzils.

Die Kirche, der Mißbrauch und das Theater

Als ich im Januar letzten Jahres mit der Arbeit an meinem Stück „Borgia Borgia“ begann, hatte ich nicht erwartet, dass die katholische Kirche nicht mal ein Jahr später so negativ in den Schlagzeilen der Nachrichten erscheinen würde.

Inspiriert von Oskar Panizzas „Das Liebeskonzil“ war mein Plan die handlungsarme Vorlage des Stückes nicht nur neu zu erzählen, sondern unter anderem dadurch auf zu werten, in dem ich ich in der Manier Shakespeares zum Haupthandlungsstrang einen zweiten dazu dichtete. Schon damals waren gerade eine Reihe von Missbrauchsfällen von Kindern und Jugendlichen in katholischen Einrichtungen durch die Schlagzeilen gegeistert. Allerdings verebbte das Thema zu diesem Zeitpunkt bereits wieder.

Ich verwarf die Idee eines Bischofs, der systematisch seine Ministranten gebraucht sehr schnell, war sie doch zu plakativ und simpel. Außerdem fiel mir kein guter Plot dazu ein. Generell ist Kindesmissbrauch ein schwieriges und gefährliches Thema auf der Bühne. Erzählt man die Geschichte authentisch, landet man schnell in einem moralisierenden „Betroffensheitskitsch“. Will man das Ganze satirisch und zynisch gestalten, ist das Eis zur Geschmacklosigkeit dünn.

So kam ich auf die Idee der Geschichte des heimlich schwulen Kardinals, der sich selbst fremd geblieben vor seiner verdrängten Neigung in die Arme der katholischen Kirche und des Zölibats flüchtet, als besonderer „Hardliner“ konservativer Werte bis in den Vatikan aufsteigt, um an Ende doch an seiner heimlichen und nicht zu stillenden Neigung zu zerbrechen. Das war literarisch viel interessanter. Das Thema Kindesmissbrauch wollte ich aber nicht ganz sterben lassen, denn der Umgang der katholischen Kirche, das Schönreden und Verdrängen, hatten mich schon damals mehr als nur empört. So blitzt das Thema kurz am Rande auf, gewissermaßen als Seitenhieb.

Wer hätte gedacht, dass die Realität nicht mal ein Jahr, nachdem ich „Borgia Borgia“ veröffentlicht habe, mich so rasant wieder einholt. Plötzlich ist das Thema erneut in aller Munde. Zugegeben: „Borgia Borgia“ stellt ganz andere Fragen. Zum Beispiel die, ob ein Glaubenssystem, dass in erster Linie auf einem hierarchischen Fundament aufbaut, nicht auch extrem anfällig ist für Macht- und Amtsmissbrauch. Und ob der starre Glaube an ein einziges fest abgestecktes Weltbild, nicht zwangsläufig zur Intoleranz führen muss, selbst wenn das Weltbild an sich humane Ideale vertritt. Mit satirischen Mitteln führte ich das hierarchische System der katholischen Kirche im Jenseits fort. Die Figuren Maria, Jesus und Gott stehen in einer klar geordneten Rangfolge und üben dieselben Machtspiele aus, wie die Menschen auf der Erde, letztendlich im eigenen Urteil immer reduziert auf persönlichen Ansichten und oft auch getrieben von persönlichen Interessen. Die Idee dahinter war: wenn die katholische Kirche, so wie sie sich mir darstellt, tatsächlich das Himmelreich widerspiegeln sollte, dann müsste das Reich Gottes so aussehen wie in meinem Stück. Eine schmerzhafte Vorstellung.

Anlässlich des Themas stelle ich das komplette Stück zur Zeit hier vorübergehend zum freien Download zur Verfügung.

Mehr Information zu dem Stück dinden Sie auf meiner Internetseite oder direkt bei epubli.


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